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Eine Informationstafel informiert über Geschichte und Hintergründe dieses Friedhofs.
Manfred Boog hat uns Text und Abbildungen zur Verfügung gestellt.
Russlandfeldzug 1941. Mehr als 3 Millionen deutsche Soldaten sollten die riesige Sowjetunion nach Weisung Hitlers in einem schnellen Feldzug niederwerfen, ein wahnwitziges Unternehmen. Trotzdem hatte die deutsche Wehrmacht ungeahnte Anfangserfolge. Dabei gerieten über 3 Millionen sowjetische Soldaten in Gefangenschaft. Hitler selbst hatte die Einstellung gegenüber den Kriegsgefangenen vorgeschrieben:
„Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und hinterher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“
Damit setzte sich Deutschland skrupellos über die Grundsätze des Völkerrechts hinweg.
Endlose Gefangenenströme zogen in die Auffanglager hinter der Front, wo sie ohne ausreichende Verpflegung und Versorgung dem Hungertod ausgeliefert waren und in Massen starben.
Aber auch die deutsche Wehrmacht hatte schreckliche Verluste und stellte außerdem immer mehr neue Divisionen auf. All diese Männer fehlten dem Arbeitsmarkt, und so wurden schon im Juli 1941 einige Hunderttausend Rotarmisten nach Deutschland deportiert, weil man sie plötzlich als Arbeitskräfte brauchte.
Stark entkräftet marschierten sie aus den Hungerlagern in Russland bei minimaler Verpflegung zur deutschen Reichsgrenze, von wo aus man sie in Güterwagen eng eingepfercht weitertransportierte. In Deutschland entstanden überall „Russenlager". So auch bei Wetzendorf in der Lüneburger Heide, ein Lager, das für bis zu 50.000 Gefangene eingerichtet worden war. Von hier kamen die Kriegsgefangenen, die heute auf diesem Friedhof in Helmighausen liegen.
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Ausbau der Reichsstraße 213 - eine Forderung der Wehrmacht
Die Reichsstraße 213 war eine sogenannte „Hauptmilitärstraße" und führte von Delmenhorst über Cloppenburg, Löningen, Lingen bis in die Niederlande nach Hengelo und Apeldorn. Man forderte mit hoher Dringlichkeit ihren Ausbau, denn sie hatte neben einem 4,70 m breiten Sommerweg nur eine einspurige 4,00 m breite gepflasterte Fahrbahn.
Den Auftrag für die Arbeiten erhielten die Straßenbaufirmen Helmus und Conradi, die zusätzlich zu ihrem Stammpersonal noch zahlreiche Hilfskräfte für Handlangerdienste und Erdarbeiten benötigten. Dazu forderte man beim Stalag XC (sprich: „Stammlager zehn C") in Nienburg an der Weser sowjetische Kriegsgefangene an. Man hatte inzwischen an der Reichsstraße 213 zwei größere Lager gebaut, Benstrup II und Helmighausen II. Ab Juli 1941 trafen die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen in Löningen ein.
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Sowjetische Kriegsgefangene in Löningen
Dazu der Zeitzeuge Otto Sieverding aus Helmighausen:
„Als die Gefangenen auf dem Bahnhof ankamen, waren sie ganz heruntergekommen und in einem erbärmlichen Zustand. Manche konnten den Weg vom Bahnhof bis zum Lager kaum zurücklegen und mussten von den anderen mitgeschleppt werden. Zur Bewachung waren Soldaten dabei, die auch nicht gerade sanft mit den armen Menschen umgingen .
Die Auswahl des Lagerplatzes Helmighausen II war typisch für so ein Gefangenenlager während der Diktatur der Nationalsozialisten. Einmal lag es verkehrsgünstig an Reichsstraße und an Eisenbahn. Gleichzeitig war es aber auch versteckt, schwer einsehbar und weitab von menschlichen Siedlungen. Keine Rücksicht nahm man auf Gefahren für die Insassen. „Helmighausen II" lag unmittelbar neben einem Scheinflughafen. Diesen hatte die Luftwaffe zur Täuschung der britischen Bomberverbände anlegen lassen. Damit lenkte sie die Angreifer von ihren eigentlichen Zielen ab.
In der Tat sind hier immer wieder Bomben gefallen, und es hat auch größere Angriffe gegeben, glücklicherweise aber ohne Opfer unter den Gefangenen. Ein Wehrmachtsoffizier leitete das Lager. Die Bewacher waren sogenannte „Landesschützen". Das waren Wehrmachtssoldaten, die über 40 Jahre alt und daher nicht mehr fronttauglich waren.
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Unmenschliche Behandlung beim Straßenbau
Die Gefangenen hatten keinerlei Rechte, wurden unzureichend verpflegt, lebten unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen, erhielten kein Lagergeld für ihre Arbeit, durften keine Post empfangen oder Briefe schreiben und waren schutzlos den Übergriffen ihrer Bewacher ausgeliefert.
Im „Merkblatt für die Bewachung sowjetischer Kriegsgefangener'' hieß es:
„Rücksichtsloses Durchgreifen bei den geringsten Anzeichen von Widersetzlichkeit und Ungehorsam! Zur Brechung von Widerstand ist von der Waffe schonungslos Gebrauch zu machen. "
Genauso ging man auch in Helmighausen vor. Damit hatte das Recht seine Gültigkeit verloren, und so begann das Regime der Gewalt und der Gewalttäter. Aber es gab auch Wachposten, die Mitleid zeigten und im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten Hilfe zuließen.
Im Lager Helmighausen II waren 216 sowjetische Kriegsgefangene in großen Standard-Baracken untergebracht. Zusätzlich gab es Unterkünfte für das Wachpersonal und eine Waschbaracke mit Toiletten. Morgens erhielten die Gefangenen eine dünne Wassersuppe, und dann marschierten sie besser gesagt, - wankten sie - in Dreierreihen in Richtung Reichsstraße, begleitet von bewaffneten Wachsoldaten. Eine Gruppe musste an einer Sandentnahmestelle Sand auf pferdebespannte Ackerwagen laden. Die Gefangenen waren so geschwächt, dass sie kaum eine halbe Schaufel voll Sand anheben konnten.
An der Baustelle entluden andere Gefangene die Wagen und verteilten den Sand. Die Setzpacklage als Unterbau für die Teerstraße wurde aus Sandstein gefertigt. Die Steine kamen aus einem Steinbruch bei Hesepe im Osnabrücker Land. Die Gefangenen mussten sie von Hand von den Lastzügen abladen und dorthin schleppen, wo sie von den Steinsetzern gebraucht wurden.
Mittags machten alle eine einstündige Pause. Die Deutschen erhielten Rationen für Schwerarbeiter, die Russen hatten etwas Wasser und vielleicht eine Schnitte Brot, ein paar rohe Kartoffeln oder einige Rübenschnitzel bei sich.
Abends erhielten die Gefangenen noch einmal ein Kochgeschirr voll Suppe. Ihre Ernährungssituation war furchtbar. Diese Menschen waren völlig entkräftet und litten ständig an Hunger. Unmittelbar nach der Ankunft der Gefangenen begann ein regelrechtes Massensterben. Kriegsgefangene wurden während der Arbeit an der Straße „auf der Flucht" erschossen, starben an Lebensmittelvergiftung, an Fleckfieber (Typhus), oder man ließ sie verhungern.
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Damals wurden hinter der vorgehaltenen Hand grausige Geschichten über die Vorgänge im Lager und an der Straße erzählt. Hier ein Beispiel für viele:
Im Lager solle es ein Brüderpaar gegeben haben. Eines Tages habe sich einer der Jungen eine Rübe geholt, die ein paar Schritte abseits von der Straße auf einem Feld lag. Sofort hätte ein Wachmann einen Schuss abgegeben, hätte den Gefangenen nicht tödlich getroffen, ihn aber durch den Schuss in den Hals schwer verletzt. Dessen Bruder sei daraufhin zu dem schreienden Verwundeten gelaufen, woraufhin der Wachmann diesen mit einem weiteren Schuss - wieder ohne Warnung - tötete. Ob das wahr sei, so der Berichterstatter - wisse er nicht. Er habe das nur so weitergegeben, wie es damals erzählt wurde.
Schaut man sich die Liste der Toten an, stößt man in der Tat auf zwei Männer mit dem gleichen Namen „Emeljanow". Die Todesdaten scheinen den unnötigen grausigen Doppelmord zu bestätigen: Dimitri Emeljanow starb am 29.01.42, Andrei lebte vier Tage länger. Jeder kann sich ausmalen, welch schweren Tod der Junge mit seiner offenen Halswunde ohne ärztliche Versorgung und schmerzlindernde Mittel erleiden musste.
Mit dieser Geschichte deckt sich auch die Beobachtung eines Landwirts, der Tag für Tag auf den Baustellen Sand fahren musste. Er kannte die beiden Brüder Emeljanow. Einer von ihnen habe immer die Wagen mit Sand beladen. Dieser sei ein kräftiger, gutwilliger Mann, der jüngere dagegen ein feiner und lustiger Mensch gewesen. Eines Tages seien die zwei Brüder nicht zur Arbeit gekommen, und er habe sie auch nicht mehr gesehen.
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Hilfsbereitschaft
Die hiesige Landbevölkerung musste alle Tage miterleben wie diese armen jungen Menschen während ihres Zehnstundentages litten, wie sie starben. Fast alle Leute hätten gern und gründlich geholfen. Doch die Anweisungen der Behörden waren unerbittlich.
In den Zeitungen wurde bekanntgegeben:
„Eine Warnung an alle! Jeder deutsche Volksgenosse, der ohne Erlaubnis mit Kriegsgefangenen Verbindung aufnimmt, wird nach den Kriegsgesetzen bestraft.“
Viele Löninger Bürger versuchten trotzdem, den Gefangenen heimlich ein Brotpaket zuzustecken. Sie wurden von den Wachposten aber massiv bedroht. Jegliche Hilfe war verboten. Trotz solcher Vorfälle ließen Helmighausener Einwohner immer wieder in der Nähe der Arbeitskolonnen unauffällig Lebensmittel fallen, steckten ihnen Brot zu oder schoben gelegentlich sogar eine Karre voll Rüben auf ein Grundstück, auf dem die Gefangenen arbeiten mussten. Auch Kinder warfen öfter ihre Schulbrote diesen hungernden Menschen zu. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass es Wachposten gab, die all das sahen und es gleichzeitig übersahen.
Stellvertretend für diese versteckte Hilfsbereitschaft soll die Geschichte einer Mutter erzählt werden. Sie hatte selbst 13 eigene Kinder zu versorgen. Ihr Ältester gehörte zu den Landwirten, die Tag für Tag Sand zu den Baustellen fuhren. Jeden Morgen packte die Frau mal ein Stück Brot, mal eine Wurst, mal etwas Obst in einen Beutel und versteckte den im Hafersack ihrer Pferde. „Ich habe meine Tiere in der Mittagsstunde nie selbst füttern müssen“, meinte der Landwirt. "Und immer lag der kleine Beutel abends leer und sauber zusammengefaltet in unserem Hafersack.“
Im Sommer 1942 war der Ausbau der Straße abgeschlossen. Im Lager brach man die großen Baracken ab. Die Gefangenen wurden abgezogen. Über 100 Tote blieben auf dem „Klockflach“, einem gemeindeeigenen Grundstück am Dorfrand, zurück.
„Weil der Friedhof nach dem Kriege in ungepflegtem und verwahrlostem Zustand war, brachte zuerst das Dorf Helmighausen das Grundstuck etwas in Ordnung. Später übernahm der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge den Friedhof und ließ die Anlage, so wie sie heute noch ist, anlegen." So der Chronist Otto Sieverding.
Auf dem Friedhof sind 107 russische und 2 polnische Soldaten bestattet.
Versöhnung über den Gräbern
Von 5,7 Millionen sowjetischen Männern in deutscher Gefangenschaft sind 3,3 Millionen gestorben. Der Ausländer-Friedhof in Helmighausen ist einer der wenigen in Deutschland, auf dem sowjetische Kriegsgefangene namentlich und mit persönlichen Daten genannt werden. Diese 109 jungen Männer starben fern von ihrer Heimat an Entbehrungen, an Seuchen und an einer gnadenlosen Behandlung. Mit diesem Friedhof wurde ihnen eine würdige Ruhestätte geschaffen. Man hat damit ein Denkmal gesetzt, ihnen und ihren Angehörigen zur bleibenden Erinnerung, den Nachkommenden zur immerwährenden Mahnung.
Im Jahre 1998 erschien ein Artikel in der russischen Zeitung „Komsomolakaja Prawda":
„Wessen Großväter und Vater ruhen auf der Kriegsgräberstätte in Helmighausen? In der kleinen deutschen Ortschaft Helmighausen gibt es einen gepflegten Friedhof, wo 107 sowjetische Soldaten ruhen. Niemand in Russland wusste bis zur letzten Zeit von seiner Existenz, keiner besuchte ihn. Die Deutschen, die diesen Friedhof pflegen, sind erstaunt - warum? Aber mit deutscher Anständigkeit pflegen sie die Gräber weiterhin. "
So die große russische Tageszeitung Prawda. Sie veröffentlichte die Namen der begrabenen Soldaten und trug damit dazu bei, dass Vermisstenschicksale nach über 60 Jahren geklärt werden und dass Angehörige die Gräber besuchen konnten.
Dazu hieß es in einem Brief aus Russland: „Wenn eine Hand aus der Heimat auf dieses Grab ein kleines Stück russischer Erde legen und eine Kerze anzünden würde oder es würde ein Mensch kommen und sagen: „Großvater, da bin ich, Dein Enkelsohn. Ich heiße auch wie du - Alexej. Dafür lohnt es sich weiterzuleben. "
Und dafür lohnt es sich auch, so denkt man in Helmighausen, diese Kriegsgräberstätte zu pflegen und zu erhalten.
Schon seit Jahrzehnten werden die Gräber der russischen Kriegsgefangenen von der Dorfgemeinschaft Helmighausen hervorragend gepflegt.
Diese Tatsache verdient hohe Anerkennung!
Bericht einer Frau aus Borkhorn
Bericht einer Frau aus Borkhorn über Kriegsgefangene
bei Löningen
In der alten Molkerei in Borkhorn war das Kriegsgefangenenlager der Russen. Die ersten Gefangenen mussten die Straße von Löningen nach Helmighausen bauen. In unserer Sandkuhle im Siefen mussten sie Sand schippen.
Herr Ostendorf war ein guter Wachposten; wenn kein anderer Posten in der Nähe war, ließ er es zu, dass die Gefangenen Kartoffeln vom nahen Acker holten. Flerlagen(unsere Heuerleute) kochten die Kartoffeln im großen Kessel. Die Familie Flerlage wohnte nämlich allein im Wald, und kein anderer Bewohner konnte sehen, was im Haus geschah. Davon durfte natürlich niemand wissen.
Später wurden die Gefangenen auf die Höfe zur Arbeit bei den Bauern verteilt. Wir hatten selbst drei russische Kriegsgefangene: Mischa war Donkosak und erst 19 Jahre alt, Andre und Nikolai waren schon älter. Zuerst waren sie sehr ängstlich, später aßen sie mit uns am Tisch. Das war allerdings offiziell streng verboten. Auch feierten sie mit der Familie Weihnachten und alle anderen Feste. Die russischen Gefangenen waren sehr fleißig und hilfsbereit; nicht nur die drei, sondern ganz allgemein.
Unser Nikolai ist nach dem Krieg nicht wieder nach Russland zurückgekehrt. Er hatte Angst vor der Verschleppung nach Sibirien. In den letzten Kriegstagen musste unsere Familie ihn verstecken; zuerst vor den letzten deutschen Truppen und dann vor den Engländern.
1950 ist er in Quakenbrück gestorben. Er hatte unter anderem Namen ohne Anmeldung und ohne Lebensmittelkarten gelebt und sich mit Hamstern und dem Verkauf von Antiquitäten über Wasser gehalten.






